Frau K bedeutet auch Kommunikation! Aus diesem Grund hatten die jetzigen Drittsemes­ter in ihrem ersten Semester die Aufgabe, durch Interviews mit Persönlichkeiten der HBK, diese besser kennen zu lernen. Aus einem Interview mit dem Prof. Klaus Paul aus dem Fachgebiet Grafik-Design ist folgender Text entstanden:

Halbwahrheiten einer Halbstarken

Stapf durch die Kotze am Kotti. Halb sechs meine Augen brennen, eigentlich mittlerweile 11:15 Uhr und eigentlich stapfe ich auch durch keine Kotzlandschaften, jedoch hört sich das mehr nach Szenegöre an und als Kreuzberg 61erin ist das ein Image dem ich fröne.
Also viertel nach Elf am Kotti, ich bin nicht in der Stimmung eine Konversation zu führen, als eine kleine, etwas kuglige Gestalt auf mich zukommt. Eine Art Kappa ziert sein Haupt und ich frage mich welcher religiösen Kleingruppe der wohl angehört. Aber jeder soll ja so machen wie er will, hab ich zumindest mal gehört, Toleranz oder so. Verwirrt schweifen sei­ne Blicke herum. Dann schnurstracks zu mir. Schwäbische Klänge knallen mir an den Kopf. Ich muss innerlich erstmal übersetzen. Es soll wohl so viel wie »Sach ma’ wie spät is’ ’n ditte« heißen. »Füttel nach ölf« und zeige auf die riesige Anzeigeuhr am Bahnhof. Meine schroffe Art hält ihn nicht davon ab breit und zufrieden über das ganze Gesicht zu strahlen. Ich möchte mich nicht von dieser positiven Energie anstecken lassen und ziehe meine Kapuze hoch. Er lässt sich neben mich plumpsen, woraufhin ich versuche an den äußersten Rand der Bank zu rutschen, aber dass ich abhaue und er meine Bank bekommt, kommt auf gar keinen Fall in die Tüte. Mein Revier und so. Er faselt irgendwas von schlech­tem Wetter, dass er das aus der Heimat gar nicht gewohnt sei. Ha! Heimat, denke ich, mein Sherlockinstinkt ist geweckt. Wusst ich’s doch, dass der nicht von hier ist. Die Worte Karlsruhe und Rhein fallen. Ich kann auch nicht nichts sagen. »Schön« presse ich heraus, ziehe gezwungen meine Mundwinkel hoch, während meine Augen rollen. Der »Karnevals­jecke« lässt sich nicht beirren, ist vermutlich als Kind zwar nicht in den Zaubertrank gefal­len, aber sicherlich hat der gute Kerl zu viel Sonne abbekommen. High auf Sonne. Ich muss lachen. Er lacht einfach mit, ich höre schlagartig auf, sein Lachen durchschallt weiterhin den Bahnhof.
Die U-Bahn kommt, meine Flucht. »Schön’ Tach noch« murmel ich und schlurfe in die U-bahn. Ehe ich die Bahn noch erreicht hab, ist der Typ schon wieder neben mir, ich frag mich ob ich jetzt ’n Stalker habe, das Letzte, was ich gerade gebrauchen kann. Aber er drückt mir nur ’nen Flyer in die Hand, sagt mit dem großen Lächeln im Gesicht: »Hier«.

Ich sitze in der Bahn, stopfe den Flyer in meine Hosentasche. Überall leere Blicke, Men­schen vom Handy in den Bann genommen. Die Begegnung geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Er schien nicht gerade wie ein einsamer oder verrückter Mann. Sondern einfach nur….nett…merkwürdig.
Warschauer Straße, muss raus, meine Schicht im Café beginnt. Ein relativ unspektakulärer Tag mit mittelmäßigem Trinkgeld geht zu Ende. Gerade aus dem Laden raus, klingelt mein Handy, die Melodie von Tetris dringt aus meinem vekramten Beutel. Meine Freundin ist dran, meint ich soll mal rüber ins So36 kommen, da gibt’s heute noch Musik. Sie ist so ’ne Antifagöre und ihre Musik ist eigentlich nicht meine, das So36 ist auch nicht mehr das, was es war, aber ich hab einfach nix anderes vor.

Also zurück zum Kotti, aufm Weg noch eben ’nen Sterni zischen und ab ins So36. Mira wartet schon auf mich. Noch ’n Sterni drin. Dann geht’s los. Eine Band spielt, die mir überhaupt nix sagt, wirklich Bock hab ich nicht. Der Plan: So lange saufen, bis es geil wird, aber erst wird noch die Vorband angekündigt: »Fuckingham Palace«. Der Name bleibt mir im Gedächtnis.
Ich bin leicht verwirrt als ich Männer die Bühne betre­ten sehe, die ich vom Alter her viel eher in einem Kegelclub erwarten würde. Also noch ’n Sterni. Trinken, bis es geil wird.

Irgendwann entdecke ich hinterm Schlagzeug nochmal so eine Kappa. Ich frage mich, ob das jetzt ein Trend ist unter älteren Männern. Man kann den Menschen hinterm Schlagzeug kaum erkennen, er geht etwas unter, ich recke und strecke mich…kann es kaum fassen, das ist doch der Typ vom Kotti heute früh. Der Flyer fällt mir wieder ein. Krame ihn raus und tatsächlich steht So36 drauf und Reunion von Fuckinham Palace. Ich hatte ihn fast vergessen und jetzt taucht er schon wieder auf. Völlig verwirrt, darauf erstmal noch ’n Sterni.
Und noch viel komischer ist, dass sie geile Musik machen, irgendwie anders, nicht so glatt. Sie singen vom Fall der Mauer. Von ihrem Leben als Nomaden. Wie für den Typen mit Kappa termingerecht die DDR zusammengebrochen ist, weil er unter der Woche ’nen Job außerhalb bekommen hat. Irgendwie an ’ner Kunsthochschule außerhalb Westberlins in der BRD. Sie erzählen, dass ihre Band sich trennte als sie dem Größenwahn unterlagen und ver­suchten, eine Rockoper in der Garage zu schreiben.
Ein immer größeres Rätsel umhüllt diesen Kappatypen, obwohl ich immer mehr heraus­finde….

Konzert ist vorbei. Es wird nochmal ’ne Ansage gemacht, dass dem So36 die Schließung droht. Lärmschutz wegen der Anwohner. Raunen geht durch die Menge. Fucking Kreuz­berg ist auch nicht mehr dasselbe. Ich ärgere mich über all diese Schwaben, die meine Stadt belagern. Fühl mich in meiner eigenen Stadt wie in einem gallischen Dorf, das von den Römern belagert wird.
Aber im selben Moment stürmt der Kappaschwabe, oder wer auch immer er ist, nahezu die Bühne, nimmt das Mikro in die Hand und sagt: »Lege wa alle z’samme, doa schaffe woa au die zuei Million«. Zieht seinen Geldbeutel raus und schmeißt 50€ in die Spendenbox. Jubeln und Gegrö­le durchströmt den ganzen Saal. »Scheiß Kästchendenken. Sin ma do net im Schrebergarten«. Noch mehr gejuble.
Plötzlich schlägt es mir wie auf den Kopf. Ein Schwabe, der mal was angeht, wenn er überhaupt einer ist…Ich schäme mich ein wenig über meine Vorurteile.
Erstmal ’n Sterni!

Text: Sara Scheer (ehemalige Studentin VK/Darstellendes Spiel)

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